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Äthiopische Kinderhilfe SELAM e.V.
Vorsitzender: Peter Ulich
Alte Landstraße 27
88138 Sigmarszell
Bankverbindung:
Sparkasse Langen-Seligenstadt
BLZ: 50652124
Kontonummer: 27115757
e-mail: selam-kinderhilfe@gmx.de
Tel.: 08389/577
Fax: 08389/929709

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Praktikum im SELAM:

Leider ist es nicht möglich im SELAM ein Praktikum durchzuführen. Zum einen gestatten dies die äthiopischen Behörden nicht und erteilen auch für einen solchen Zweck kein notwendiges Visum. Die äthiopischen Behörden wollen dadurch erreichen, dass die eigenen Landsleute Arbeit erhalten und nicht Ausländer ihre Landsleuten den Arbeitsplatz streitig machen.

 

Zum anderen gäbe es Sprachprobleme, da im SELAM die Landessprache amharisch gesprochen wird. Es gibt auch keine Möglichkeit der Unterbringung für Gäste, die Gäste müssen in der Stadt sich selbst eine Bleibe suchen.

  

  

Ausbildungswege in Äthiopien

Kurzreferat, gehalten auf der Mitgliederversammlung in Lohr am Main am 22.September 2000

Besonderer Dank geht an Dr. Sommer, Chef-Koordinator des Ethio-German Technical and Vocational Education and Training Programme in Addis Abeba, für die Unterstützung bei der Erstellung dieses Kurzreferates.

I. Das historisch bedingte Umfeld

Noch immer bestimmt die traditionelle bäuerliche Subsistenzwirtschaft mit wenig differenzierten "Berufen" das Bild der äthiopischen Ökonomie.

  • Über 75/80 % sind in der Landwirtschaft tätig.
  • Die Analphabetenrate beträgt 65 % (bei Frauen über 75%).
  • Nur 23 % der Jugendlichen besuchen die Primarstufe und 0,6 % die Oberstufe; die durchschnittliche Ausbildungsdauer beträgt 1,1 Jahre.

Neuere Daten sprechen von günstigeren Beschulungsdaten, doch wird ein Mehr an Quantität durch ein Weniger an Qualität erkauft. Wenn man die überdurchschnittlichen Schulbesuchsraten in den Städten berücksichtigt, verschieben sich die angegebenen Durchschnittswerte für den Zugang/Erwerb von Bildung und für die Beschäftigungssituation noch einmal zuungunsten ländlicher Gebiete

Adel (nicht mehr vorhanden) und Kirche sind Träger der literarischen Bildung, der Lese- und Schreibkultur. Sie haben eine Geschichtsschreibung entwickelt, eine schriftliche Überlieferung ist sonst für Afrika unüblich.

Das Rad und also auch der Wagen oder der Schubkarren sind noch immer nicht in den bäuerlichen Alltag integriert; Mensch und Esel sind die Transportmittel.

Schmiede und Töpfer gehören verachteten Kasten an. Heiratsbeschränkung, z.T. sogar Kontaktbeschränkungen gelten bis heute.

Eine Handwerkstradition, Zünfte, traditioneller gewerblicher Mittelstand sind dem Land fremd.

Wir müssen vor allem in den ländlichen Gebieten von einer völlig anders strukturierten Gesellschaft ausgehen, die andere Wert- und Zielvorstellungen hat, als wir sie kennen. Allerdings sollte man den beobachtbaren, wenn auch nicht rapiden Wertewandel in städtischen Gebieten, vor allem in Addis Abeba, nicht unterschätzen.

Eine Industrie- oder Stadtwirtschaft muss als marginal angesehen werden.

Nur 32 % der Bevölkerung ist erwerbstätig; davon sind 9 % in der Industrie und 10-15 % im Dienstleistungssektor tätig.

II. Bildung und Ausbildung

Das erstrebenswerte, weil einzig so richtig gesellschaftlich anerkannte Bildungsideal ist auch für einen Äthiopier der Universitätsabschluss. Die Chance, dieses Ziel zu erreichen, liegt aber, auf einen Altersjahrgang bezogen, im Promille Bereich.

Offiziell gibt es 4 Qualifikationsstufen, nach denen sich auch das Einkommen richtet. Die staatliche Gehaltsskala determiniert die Abschlüsse, nicht der Bedarf der Wirtschaft. Die Beschäftigungsstruktur ist nicht so durchorganisiert, wie wir das kennen. Praktisch haben nur der Staat mit sehr geringen Löhnen und die Industrie (9 % der Erwerbstätigen) einen Zusammenhang mit diesem System, wenn sich auch private Dienstleistung danach richtet.

In den Straßenwerkstätten, im informellen Sektor, greift das Ausbildungssystem kaum und schon gar nicht das Gehaltssystem. Allerdings sind zunehmend besonders handwerklich-technisch Ausgebildete auf den informellen Sektor als Beschäftigungs- und Überlebensraum angewiesen, weil eben die Aufnahmekapazität des sich kaum entwickelnden modernen Sektors begrenzt bleibt.

Unter solchen Gesichtspunkten ist das Bildungs- und Ausbildungssystem noch nicht in die momentanen gesellschaftlichen Bedingungen integriert, weil vor allem die staatlich angebotene Ausbildung immer noch so "funktioniert" (auch wenn dies schon ab und an anders plakativ dargestellt wird), als bilde man für einen sich rasant entwickelnden modernen industriellen Sektor aus. Der informelle Sektor, der ländliche Lebensraum als Lebens- und Überlebensraum der immer noch überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung und sich daraus ergebende Konsequenzen für eine angemessene Vermittlung beruflicher Kenntnisse und Fähigkeiten, werden erst im Ansatz gesehen.

Bis 2001 soll das Bildungssystem nach "Neuer Education Policy" in Äthiopien eingeführt werden Das von der Bildungsministerin entwickelte Modell einer 1- bis 2-jährigen Berufsausbildung nach Klasse 10 für die (verglichen mit heute) 10- bis 20-fache Anzahl der Auszubildenden ist ohne Analyse des Arbeitsmarktes erfolgt und zielt ausschließlich darauf ab, dem sozialen Druck nach Ausbildung nachzugeben. Ein Altersjahrgang der heute 16-Jährigen umfaßt weit mehr als 600.000 Jugendliche. 200.000 (weniger als1/3) erhalten den Abschluß der 10. Klasse. Die Nachfrage auf dem Markt beträgt 10.000 bis 20.000, also 5-10 %. Es sollen aber 50.000 Jugendliche in den Sparten Holz, Metall, Elektro und Bau ausgebildet werden, also das 5-10fache des momentanen Bedarfs. Über die Beschäftigungschancen nach einer solchen (wieder mehr oder weniger arbeitsmarktfernen) Ausbildung lässt sich nur spekulieren, jedoch keinesfalls in positive Richtung. Diese ""Hau-Ruck-Aktion" droht, wenn sie nicht noch rechtzeitig kanalisiert werden kann (daran arbeitet die deutsche GTZ), zu einem Desaster zu werden. Es entsteht eine Überzahl mehr schlecht als recht Ausgebildeter, die in die Arbeitslosigkeit entlassen werden, da der formale Beschäftigungssektor sie nicht absorbiert und sie auf Selbstbeschäftigung (die allerdings mangels Kaufkraft auch limitiert ist) nicht vorbereitet sind.

Die berufliche Bildung muss also für den informellen Beschäftigungssektor geöffnet werden, wozu aber die Ausbildunhsgänge 10+ ... ungeeignet sind. Wenn die über 90%, die keinen 10.-Klasse-Abschluß erreichen (können), eine Chance haben sollen, dann ist eine Zielgruppenöffnung notwendig für sog. Drop Outs aus der Primary Education, ja selbst für Analphabeten, und Kurzkurse müssen in tatsächlich "vermarktbaren" Teil-Qualifikationen in den und für die lokalen, vor allem ländlichen Arbeitsmärkte eingerichtet werden.

Es sollen 14 Technical Schools und 25 Skilled Development Centers eingerichtet werden. Geplant werden 80 % Praxis, 20 % Theorie für die Ausbildung grundlegender Fähigkeiten.

Das "Programm zur Förderung des Berufsbildungssystems" in Äthiopien soll nach eigenen Angaben dazu befähigen, den wirtschaftlichen und sozialen Bedarf an beruflicher Qualifikation zu decken. Es will zu einer angemessenen Nutzung von Beschäftigungsmöglichke iten im formellen und informellen Sektor beitragen.

Seit langem ist SELAM bei den Planungen im Kultusministerium, bei der GTZ, in allen wichtigen Gremien beratend vertreten. Sein Curriculum und seine selbst erstellten Unterrichtsmaterialien finden Eingang in die staatliche Planung. Es ist ein Leitobjekt für dieses neue System. Die Kultusministerin zeigte sich nach ihrem Besuch im STVC sehr beeindruckt.

Um ähnliches zu erreichen, ist es zunächst einmal nötig, Weiterbildung für Ausbilder und Instruktoren durchzuführen. Es wird dringend Hilfe benötigt für Ausbildungseinrichtungen. Es müssen Kontakte zwischen den einzelnen Beteiligten (Regierung, SES, DED, GTZ, Ausbildungsstätten, Produktionsstätten usw.) hergestellt und schließlich auch die Infrastruktur verbessert werden.

Beispiel: Chemie-Labor der Uni AA, Hörsäle ...

III. Zusammenhang von Bildung/Ausbildung – Angebot und Nachfrage

Mit großer Enttäuschung wurde festgestellt, dass der Nachfrage-Boom nach 1992 nicht stattgefunden hat. Und auch nach dem Ende der Kampfhandlungen an der Grenze im Norden ist eine Steigerung der Nachfrage ausgeblieben. Gründe sind in der Behinderung der Privatwirtschaft, dem Zoll- und Steuersystem, in der schweren Zugänglichkeit der Machtträger für neue Ideen zu suchen. Beispiele dafür gibt es ohne Zahl. (Konkrete Beispiele zu: Rückkehrwillige, Geschäftsgründer, ausländische Investoren). Mangelnde Konzeptualisierung gut klingender Policies, immer noch verbreitete "Abschottungsmentalität" sowie das Verharren in althergebrachten verkomplizierenden bürokratischen Strukturen bremsen allenthalben den Fortschritt. Auch ist ein Mangel an Kenntnissen und Fähigkeiten auf allen Ebenen staatlicher Planung und Implementierung festzustellen.

Die geringere Nachfrage (geringe Kaufkraft!) wirkt nicht gerade belebend auf die Angebotsseite. Der informelle Sektor (Straßenwerkstätten) arbeitet ohne Buchführung, ohne Steuerabgaben und ist ähnlich wie die landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft einer modernen Wirtschaft eher abträglich. Allerdings ist nach Dr. Sommers Meinung der informelle Sektor gemeinsam mit der Subsistenzwirtschaft Überlebensraum von 80 % der Bevölkerung und wird es in dieser Größenordnung auf längere Sicht bleiben. Deshalb kann ein entwickelter städtischer informeller Sektor die Basis eines sich entwickelnden modernen Wirtschaftssektors werden, nicht aber umgekehrt.

Wegen der äußerst geringen Einkommen der fast 68 % Nichterwerbstätigen ist eine Angebotswirtschaft noch undenkbar. Auch im SELAM wird nur auf Nachfrage und Bestellung gearbeitet. Allerdings kann man sich dort über Mangel an Aufträgen nicht beklagen. Grund: Landwirtschaftlich ausgerichtete Produkte, erneuerbare Energie, Wasserpumpen sind das Hauptangebot, Missionen, NROen , staatliche oder halbstaatliche Stellen sind die Auftraggeber.

Diese Situation wird sich dann ändern, wenn entwickeltere informelle "Betriebe" ebenfalls solche Produkte anbieten, was in anderen Entwicklungsländern bereits der Fall ist.

Wenn sich der Teufelskreis von mangelnder Nachfrage und stagnierendem Angebot nicht schließt - der Zuwachs der Industrieproduktion bewegt sich um 0, war Mitte der 90er Jahre bei Minus - , wird ins Leere ausgebildet, sofern man sich nicht den tatsächlichen, nicht industriell ausgelegten Beschäftigungsfeldern verstärkt zuwendet subsistenzorientierte und dort mit der Entwicklung ansetzt, also in Richtung Existenzgründung denkt und ausbildet. Auf Grund der Langzeitausbildung, die von außen mitgetragen wird und schon deshalb kein Modell für die selbst zu finanzierenden anderen Provider darstellen kann, beschreitet SELAM bereits diesen Weg.

IV. Ziel der Entwicklungshilfe für Äthiopien im Bereich der Berufsausbildung:

Mittelfristige Ziele sind

  • die Entwicklung und Überarbeitung von Ausbildungsprogrammen, die arbeitsmarkt- und gesellschaftsbezogen sind,
  • die Verbesserung der Qualifikation und derVerfügbarkeit von Berufsschullehrern und Dozenten,
  • die Errichtung von Berufsschulen (auch räumlich), die beschäftigungsorientierte Aus- und Weiterbildung verschiedener Zielgruppen durchführen.

Der Weg dorthin: In den Regionen Beispiele schaffen und damit Anregungen geben!

Wenn 7000 Menschen das STVC im Jahr besuchen und tief beeindruckt sind von dem, was sie dort sehen, ist SELAM auf dem richtigen Weg. Es ist Beispiel und gibt Anregungen. Mit seiner Produktion trägt es dazu bei, die Ernteerträge zu steigern, die Infrastruktur zu verbessern, die Nachfrage zu wecken. Dr. Sommer, der Chef-Koordinator des Ethio-German Technical and Vocational Education and Training Programme (TVET Progr.), stellt fest, dass der Standard vom STVC für Äthiopien "überragend" sei, die staatlichen "Anbieter" aber sich diesen Standard (rein budgetär gesehen) gar nicht leisten können. Also geht es darum, die anderen Provider schrittweise zu befähigen, angemessenere Ausbildungsangebote zu entwickeln, die lokalen Arbeitsmärkte als Start- und Zielpunkt zu sehen, Trainer zu qualifizieren ( - hier kann SELAM eine wesentliche Rolle spielen - ), Qualitätsbewußtsein zu erhöhen, alle sog. Stakeholder einschließlich der Communities und der Wirtschaft einzubeziehen.

Wie schwer es ist, "bedarfsgerecht" auszubilden, wissen wir auch in Deutschland sehr wohl. Man denke nur an den großen Mangel an Ingenieuren und an das green - card – Problem im Bereich der Informatik. Völlig unberücksichtigt bleibt dabei der Gedanke an die freie Berufswahl!!

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